UNENDLICHER SPASS

Heute ist mir etwas lustiges passiert.
Bin heute früher nach Hause gegangen, weil mir echt übel war. Also nicht in der Magengegend, sondern im Kopf. Ich saß an der Haltestelle am Sachsenring auf der Bank, meine Tasche, die heute schwerer war als sonst, auf dem Schoss, die Hände davor verschränkt - und dann wuchsen mir auch noch lange schwarze Haare - ich hatte einen echten Immy Moment …
Dann fiel mir ein, dass ich noch ein Paket bei der Post abholen musste. Ich hatte mir bei Amazon nämlich “Unendlicher Spaß” von David Foster Wallace bestellt. Also ging ich bedröppelt zur Post, versuchte 10 Minuten lang der Frau am Schalter glaubhaft zu erklären, dass ich wirklich Welldirty heiße (so stand’s nämlich auf dem Abholzettel, den der Postbote mir im Briefkasten hinterlassen hatte) und verließ dann die Postfiliale (immer noch bedröppelt und mit heruntergezogenen Mundwinkeln) irgendwann mit meinem Paket in dem sich der 1600-seitige Wälzer befand. Da ich die Ungeduld in Person bin, musste ich das Paket natürlich mitten auf der Straße aufreißen und als ich es dann in den Händen hielt, das wunderschöne dicke Buch mit dem weißen Cover und der schwarzen erhabenen Titelschrift, begann plötzlich ein Orchester in meinem Kopf eine sentimentale Musik zu spielen, die so kitschig-klebrig-fröhlich war wie die in einem alten amerikanischen Schwarzweißfilm, in dem ein kleines Mädchen mit Pferdeschwanz und Riemchenschuhen ein Geschenk unter dem Weihnachtsbaum öffnet.
Da musste ich lachen …, weil ich plötzlich an den Dudu-Film denken musste, in dem zwei Nonnen in einer in der Mitte geteilten Ente an einem Rennen teilnehmen und jede mit ihrem Stück Ente ständig in eine andere Richtung davon fahren möchte. So wie mein Herz und mein Kopf, die sich nicht auf eine Richtung einigen können. Vielleicht bin ich aber auch daran Schuld, weil ich mich aus irgendeinem Grund (und das seit ich mich erinnern kann) davor drücke, das Steuer in die Hand zu nehmen.
Ich lasse mich einfach immer nur treiben. Wie jemand, der sich einbildet, er hätte alle Zeit der Welt für alle Geschichten dieser Welt.
Und jeden Morgen wache ich auf und habe Angst, dass mich die Realität irgendwann einholt. “Dein Leben ist irgendwie ein Comic, oder?” hat mal jemand zu mir gesagt. Ich weiß bis heute nicht genau, wie er das gemeint hat, ob abschätzig oder anerkennend. Ich weiß nur, dass ich heute, fast zehn Jahre später immer noch viel zu oft darüber nachdenke, wie er es gemeint hat. Und dann frage ich mich, wann der Tag kommen wird, an dem es mir endlich egal sein wird.